Zwei Holzbauprojekte stellen in Köln konventionelles Bauen auf den Kopf
Münster/Köln. Gleich zwei Auszeichnungen des 44. Bauherrenwettbewerbs „Das Goldene Haus 2026: Aus Holz gebaut! Leicht – schnell – nachwachsend" der Bau- und Wohnzeitschrift Das Haus und der LBS gehen nach Köln. Prämiert wurden ein mutiges Wohnexperiment von Bauherrin Jeanette Deubner (Sonderpreis) sowie die Erweiterung eines Reihenendhauses der Familie Peyerl in Köln-Bickendorf (Anerkennung). Beide Projekte zeigen eindrucksvoll, wie Holzbau, Kosteneffizienz und flexible Wohnformen intelligent miteinander verbunden werden können.
Sonderpreis: Radikale Reduktion trifft flexible Wohngemeinschaft
Das mit dem Sonderpreis ausgezeichnete Reihenmittelhaus stellt gängige Vorstellungen vom Hausbau radikal infrage. Bauherrin Jeanette Deubner realisierte gemeinsam mit dem Aachener Architekturbüro 2a studio ein dreigeschossiges Gebäude, das durch konsequenten Verzicht auf unnötige Schichten und ein flexibles Raumkonzept für eine generationsübergreifende Wohngemeinschaft überzeugt.
„Ich wünsche mir ein Haus, das atmet und lebt – das sich den Menschen anpasst, die darin wohnen, und nicht umgekehrt", erklärt Jeanette Deubner ihre Vision. „Es war ein großes Wagnis, so anders zu bauen. Aber ich wollte zeigen, dass man auch im Alter noch träumen und Neues wagen darf."
Das Besondere: Die Holzständerkonstruktion mit sichtbaren Deckenbalken wurde nur einseitig beplankt. Die weißgeölten Platten übernehmen mehrere Funktionen gleichzeitig: Sie bilden die fertige Oberfläche, wirken aussteifend und dienen als Dampfbremse. Alle Versorgungsleitungen verlaufen offen auf den Wänden, Steckdosen und Lichtschalter sind aufgesetzt montiert.
„Wir haben uns gefragt: Was brauchen wir wirklich, und was machen wir nur, weil wir es schon immer so gemacht haben?", erläutert Architekt Lucas Schrader von 2a studio. „Die Beplankung nur einseitig anzubringen und alle Installationen offen zu verlegen, widerspricht unseren Sehgewohnheiten – spart aber erhebliche Kosten und macht das Haus komplett rückbaubar. Jede Schraube kann wieder gelöst werden. Das ist konsequente Ressourcenschonung."
Im Ober- und Dachgeschoss sind noch keine festen Innenwände eingezogen – stattdessen wurden Vorbereitungen geschaffen, an denen sich nichtragende Ausbauten jederzeit anschließen lassen. So kann sich das Haus an eine wechselnde Anzahl von Bewohnern anpassen. Geheizt wird mit einem Holzofen und Infrarotheizkörpern, auf komplizierte Technik, Verklebungen und Kunststoffe wurde weitestgehend verzichtet.
Anerkennung: Cleverer Anbau schafft neuen Raum für Gartensiedlung
Die mit einer Anerkennung prämierte Erweiterung eines Reihenendhauses in der historischen Gartensiedlung Köln-Bickendorf zeigt, wie man mit intelligenter Planung aus beengten Verhältnissen großzügigen Wohnraum schaffen kann. Familie Peyerl verwandelte gemeinsam mit dem Kölner Architekturbüro Hutta Architektur ihr Haus in ein lichtdurchflutetes Familiendomizil.
„Als unsere Familie wuchs, wurde uns klar: Wir brauchen mehr Platz. Aber wir wollten unbedingt in dieser wunderbaren Siedlung bleiben", erzählt Bauherrin Anne Peyerl. „Als die Architekten uns dann zeigten, wie aus der schrägen Grundstücksgrenze, die wir immer als Problem gesehen hatten, eine Chance werden kann – da wussten wir: Das ist unser Weg."
Das Besondere: Die südliche Giebelseite des Reihenendhauses besitzt eine schräg verlaufende Grundstücksgrenze. Statt diese als Hindernis zu betrachten, nutzte das Architekturbüro sie konsequent: Unter Wahrung des drei Meter Grenzabstands verläuft die neue Außenwand exakt parallel zu dieser Linie. Dadurch ergibt sich ein schräg zulaufender Anbau, der sich perfekt in die Siedlungsstruktur einfügt.
„Was sich hier so selbstverständlich und fast mühelos zeigt, ist eigentlich hohe Baukunst", erklärt Architekt Johann Eckartz von Hutta Architektur. „Die schräge Form ist nicht Effekt, sondern logische Konsequenz. Fünf Wanddurchbrüche verbinden Alt und Neu, das ist kein Anbau, der einfach drangehängt wurde – das ist eine Symbiose."
Auf der betonierten Bodenplatte wurde mit Holzständerwerk weitergebaut, die Decken bestehen aus Brettsperrholz mit sichtbarer Unterseite. Der Rohbau war in wenigen Wochen fertig. Insgesamt entstanden 48 Quadratmeter zusätzliche Wohnfläche mit großzügiger Küche, flexibel nutzbarem Raum mit Giebelfenster, zweitem Kinderzimmer und Spielflur.
Prototypen zur Nachahmung empfohlen
„Beide Projekte sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich und zur Nachahmung empfohlen", sagt LBS-Gebietsleiter Oliver Nolte. „In Köln treffen mutige Bauherren auf innovative Architekturbüros, und gemeinsam stellen sie das ‚normale' Bauen auf den Kopf. Das experimentelle Reihenmittelhaus zeigt, dass Holzbau, Kosteneffizienz und flexible Wohnformen zusammenpassen – und ermutigt dazu, eine eigene Vision zu entwickeln. Die Familie Peyerl beweist eindrucksvoll, wie man mit kluger Planung aus einem engen Reihenendhaus ein großzügiges Zuhause schaffen kann, während die historische Gartensiedlung behutsam weiterentwickelt wird."
An der 44. Auflage des Wettbewerbs beteiligten sich insgesamt mehr als 90 Projekte aus ganz Deutschland.